Von Digitalisierung zu Autonomie – ein echter Paradigmenwechsel

Die erste Digitalisierungswelle im Mittelstand bestand vor allem aus Datenerfassung, ERP-Systemen und papierlosen Prozessen.
Autonomie geht einen Schritt weiter: Entscheidungen werden nicht nur vorbereitet, sondern automatisch ausgeführt.

Beispiel Beschaffung:

  • Früher: System meldet niedrigen Lagerbestand
  • Heute: System prognostiziert Bedarf, löst Bestellung aus, terminiert Lieferung

Das spart Zeit, verschiebt aber auch Verantwortung.


HOOTL, HOTL, HITL – warum diese Unterscheidung entscheidend ist

Nicht jeder automatisierte Prozess ist gleich autonom. Entscheidend ist die Rolle des Menschen:

  • HITL (Human in the Loop)
    KI unterstützt, der Mensch entscheidet
    z. B. Medizin, HR, strategische Entscheidungen
  • HOTL (Human on the Loop)
    System handelt autonom, Mensch überwacht und greift bei Abweichungen ein
    z. B. Prozessindustrie, Maschinenüberwachung
  • HOOTL (Human out of the Loop)
    Prozess läuft vollständig autonom, Mensch gestaltet und auditiert
    z. B. Angebotskalkulation, Qualitätsprüfung, Administration

Diese Einordnung ist kein Selbstzweck, sie entscheidet über Haftung, Governance und Skalierbarkeit.


Wo HOOTL heute realistisch und sinnvoll ist

Im industriellen Mittelstand gibt es bereits funktionierende HOOTL-Anwendungen:

Automatisierte Angebotserstellung
CAD-Upload → Feature-Analyse → Preis & Lieferzeit in Sekunden
Der wirtschaftliche Effekt: drastisch reduzierte Transaktionskosten und höhere Abschlussquoten.

Visuelle Qualitätskontrolle
KI-basierte Bildverarbeitung sortiert Gut/Nicht-Gut in Echtzeit.
Menschliche Prüfung wäre hier langsamer und fehleranfälliger.

Administrative Prozesse
Dokumente, Buchungen, Bestellungen laufen automatisiert durch –
nur Unsicherheiten werden an Menschen eskaliert.

Gemeinsamkeit dieser Prozesse:

  • hohes Volumen
  • klar definierte Regeln
  • geringes Risiko für Personen oder Grundrechte

Wo Autonomie klare Grenzen hat

In regulierten Bereichen endet die Vollautonomie bewusst:

Medizintechnik & Diagnostik
KI kann analysieren und priorisieren –
die Entscheidung bleibt beim Arzt.

Chemische Prozessindustrie
Autonome Regelung ist möglich,
aber nur innerhalb definierter Sicherheitsgrenzen und unter permanenter Überwachung.

Personenbezogene Entscheidungen
Kreditvergabe, Kündigungen, HR-Auswahl –
hier erzwingen Regulierung und Haftungsfragen mindestens HITL.

Autonomie ist hier nicht verboten,
aber an Verantwortung gebunden.


Autonomie braucht Governance – nicht nur Modelle

HOOTL funktioniert nur mit technischer und organisatorischer Absicherung:

  • Konfidenzschwellen
    Automatisierung nur bei hoher Sicherheit, sonst Eskalation
  • Monitoring & Drift Detection
    Modelle altern – Prozesse müssen darauf reagieren
  • Fallback-Logik
    Rückfall auf HITL, wenn Annahmen nicht mehr gelten

Ohne diese Elemente ist Autonomie kein Effizienzgewinn, sondern ein Risiko.


Fazit

Der Mittelstand muss nicht „alles automatisieren“.
Er muss bewusst entscheiden, wo Autonomie Wert schafft – und wo Verantwortung nicht delegierbar ist.

HOOTL ist kein Mut.
HOOTL ist eine Haftungsentscheidung.

Wer das versteht, wird KI nicht als Experiment einsetzen,
sondern als tragfähigen Bestandteil der Unternehmenssteuerung.

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